Verreibungsresonanz


© 2000 IHHF / Jürgen Becker, Freiburg

Die Entdeckung dieses Phänomens der Verreibungsresonanz halte ich für einen entscheidenden Fortschritt homöopathischer Grundlagen- und Heilmittelforschung! Hiermit kommen wir dem Mysterium der Potenzierung einen wesentlichen Schritt näher. Es ist für mich sehr erstaunlich, daß in den immerhin schon ca. 175 Jahren, in denen homöopathische Verreibungen gemacht wurden, diese Phänomene bisher (1996) völlig unbeachtet geblieben sind. Jedenfalls hat kein homöopathischer Verreiber (meines Wissens) über derartige Phänomene öffentlich berichtet. Nicht einmal Hahnemann, der vermutlich die meisten Verreibungen in der Geschichte der Homöopathie gemacht hat, hat irgend etwas in dieser Richtung verlauten lassen, geschweige denn veröffentlicht. Allerdings betont er in § 265 ausdrücklich, daß es für jeden Homöopathen "Gewissenssache" sei, seine Mittel selbst zu potenzieren (und aus eigener Hand zu verabreichen).

Erst in jüngster Zeit haben auch andere Verreiber die Existenz der Resonanzphänomene bestätigt, allerdings erst, als sie explizit danach gefragt wurden. Ich kann mir dieses Versäumnis nur durch die weitgehende Trennung von homöopathischen Therapeuten und Pharmazeuten erklären, die wiederum ihr Augenmerk mehr auf die Verschüttelung gelegt und häufig genug die Verreibung den Maschinen überlassen haben.

Witold Ehrler und ich haben in den letzten drei bis vier Jahren bei inzwischen insgesamt etwa 100 Verreibungen (einzeln oder auch in Gruppen) die Phänomene der Verreibungsresonanz empirisch überprüft. Dabei hat sich gezeigt, daß etwa zwei Drittel der Verreiber deutliche "Verreibungsresonanzphänomene" wahrnehmen. In einzelnen Fällen war es einzelnen Verreibern (die nicht wußten, welches Mittel verrieben wurde - halbblinde Versuchsanordnung) sogar möglich, den verriebenen Arzneistoff eindeutig zu identifizieren (ohne daß er äußerlich irgendwie erkennbar gewesen wäre, da wir die Gruppenverreibung mit der fertigen Cl begonnen haben). So etwas ist auch bei guten Gruppenarzneimittelprüfungen nur selten so deutlich gelungen.

Unsere bisherigen Erfahrungen sprechen dafür, daß die "Verreibungsresonanz" ein eigener Erlebnis-, Erfahrungs- und Erkenntniszugang zu den homöopathischen Arzneikräften ist, der sich an den Verreibungsresonanzphänomenen ablesen läßt. Damit hat Witold Ehrler eine neue Quelle der homöopathischen Erkenntnis erschlossen, die uns in Zukunft manches lebendige Wasser spenden mag. Die Verreibungs- resonanzphänomene deuten darauf hin, daß bei der Verreibung ein intensiver Kontakt des Verreibers mit der "Substanzwesenskraft" der Arznei stattfinden kann, der als eine "erste Einweihung" in das dynamische Kraftfeld dieses Mittels wirkt. Ich nehme an, daß Hahnemann - wenigstens unterbewußt - auf diese Weise so manches über die verschiedenen Arzneikräfte "voraus"-geahnt hat, bevor er ihre Wirkungen empirisch in Arzneimittel- prüfung und Therapie "nach"-weisen konnte.

1. Der besondere Vorteil dieses Zugangs dürfte erst einmal darin liegen, daß er zeitlich relativ eng begrenzt - innerhalb einiger Stunden - erschlossen werden kann und damit viel schneller zu Ergebnissen führt als homöopathische Arzneimittelprüfungen an Gesunden.

2. Der zweite wesentliche Vorteil liegt darin, daß die Symptome bei Verreibungen im allgemeinen beträchtlich weniger belastend sind und auch nicht so lange anhalten als die Symptome, die bei Arzneimittelprüfungen auftreten, sondern großteils nur während der Verreibung oder noch kurz darauf andauern. Diese beiden ersten Vorteile sind also quantitativer Natur.

3. Der dritte große Vorteil, nun qualitativer Natur, liegt darin, daß die Phänomene bei Verreibungen sehr einfach nach den verschiedenen C-Stufen unter¬schieden werden können. Die unterschiedliche Qualität der C-Verreibungsstufen ist eine völlig neue Entdeckung in der Homöopathie. Dabei zeigen sich nicht nur belastende Symptome auf der jeweiligen Stufe, sondern auch die gesunde Seite oder Qualität der Arzneikraft.

Die belastenden Symptome der C1-Verreibung entsprechen dabei in etwa denen einer Niedrigpotenzprüfung (z.B. D6 oder C6), die der C2-Verreibung denen einer Hochpotenzprüfung mit einer C30 und die der C3-Verreibung denen einer Prüfung mit C200. Mittels der "Verreibungsresonanz" ist es also möglich, in einigen Stunden ähnlich viel von einer Arznei zu erleben und zu erfahren, wie es bisher nur mit einer Reihe von Arzneimittelprüfungen von der Niedrig- bis zur Höchstpotenz möglich war (l. und 2.).

4. Ein letzter, nicht zu unterschätzender Vorteil der Verreibungsresonanzphänomene ist schließlich juristischer Natur, nämlich daß homöopathische Verreibungen jederzeit und von jedermann durchgeführt werden, ohne daß dabei unnötige und hinderliche Auflagen im Wege stehen, wie sie für pharmakologische Arzneimittelprüfungen synthetischer Medikamente notwendig sind. Der Zugang zu den Verreibungsresonanzphänomenen ist also - wie bei einem einfachen Selbstversuch - auch in juristischer Weise viel offener als bei Arzneimittelprüfungen.


Aus: Jürgen Becker, Neue Welten der Homöopathie und der Kräfte des Lebens, Band I, IHHF, Freiburg 2000